Es gibt mindestens so viele Lebensphilosophien wie Todesarten. Eine Lebensphilosophie lautet «Lebe jeden Tag, als ob es dein letzter wäre!» Ich denke, das sollte man nicht tun.

Eines der wenigen guten Dinge am Tod ist, dass man sich um ihn nicht selbst kümmern muss. Das dürfte besonders für die Menschen tröstlich sein, die Dinge schlecht delegieren können. Sterben, das ist etwas, das man getrost von seiner To-Do-Liste streichen kann.

Oft erwischt einen der Tod wenn man gerade etwas anderes vorhat. Vielleicht in der Oper. Beim Golf. Oder beim Krabbenpulen. Viele Menschen glauben deshalb, dass es klug sei, in genau diesem Bewusstsein des unerwartet auftretenden Ablebens seinen Tag zu füllen. Meist bedeutet das für diese Menschen, so richtig auf den Putz zu hauen. Diese Menschen sagen dann Sprüche wie «Lebe jeden Tag, als ob es dein letzter wäre!» Ich halte diesen Ansatz für nicht praktikabel.

Das hat handfeste Gründe. Rein statistisch gesehen ist es für mich nämlich wahrscheinlicher, nicht zu sterben. Ich lebe nun seit bald 35 Jahren, ohne gestorben zu sein. Ich denke, die Zahlen sprechen für sich. Lebte ich also nun jeden Tag, als ob es mein letzter wäre, was er ja sehr wahrscheinlich nicht ist, dann hätte das fatale Folgen. Für mich und für andere.

Ich denke, meinen letzen Tag würde ich mit meinen Liebsten verbringen. Das würden wahrscheinlich die meisten so machen. Aber genau da fangen schon die Probleme an. Wer gehört denn nun zu den Liebsten? Nur Frau und Kinder? Die Eltern noch dazu? Und was ist mit Tante Hedwig? Die wäre bestimmt sauer, wäre sie am letzen Tag nicht dabei. Die meckert ja so schon ständig rum, dass man sich nie meldet. Ich möchte meinen letzten Tag nicht mit Tante Hedwig verbringen, nur um mich am Ende des Tages zu ärgern, dass ich schon wieder nicht gestorben bin.

Auch brächte die Letzter-Tag-Lebenseinstellung andere Menschen ganz schön in die Bredouille. Was wäre denn zum Beispiel, wenn einen sowohl, sagen wir einmal Nachbar Heinze und gleichzeitig Tante Hedwig an ihrem letzten Tag bei sich haben möchten? Es ist bei Menschen nicht unüblich, dass zwei von ihnen am gleichen Tag sterben. Wem soll man absagen? Soll man sagen «Du, Tante Hedwig, an deinem letzten Tag bin ich leider anderweitig verpflichtet. Weißt ja wie’s ist. Halt die Ohren steif! Wir telefonieren.»

Vielleicht würde ich an meinem letzten Tag auch noch meine Beerdigung planen. Bei der Koordination von Veranstaltungen mittlerer Größenordnung kann ich sehr penibel sein. Da können mich Kleinigkeiten aus der Ruhe bringen. Es wäre also besser, wenn ich das selbst in die Hand nähme. Natürlich gehört das Organisieren der eigenen Beerdigung nicht unbedingt zu den schönsten Dingen im Leben. Es gibt aber noch Schlimmeres, das man an seinem letzen Tag tun könnte.

Ich würde an meinem letzten Tag zum Beispiel mit Sicherheit nicht meine Steuererklärung machen und ich glaube, dass ich damit nicht alleine bin. Ich denke, selbst Steuerberater hätten an ihrem letzten Tag etwas anderes vor. Die Letzter-Tag-Parole verbietet also geradezu das Anfertigen von Steuererklärungen. Folglich würde auch niemand mehr seine Steuererklärung machen. Das wäre natürlich für all diejenigen unangenehm, die nicht zufällig ihren letzen Tag hätten und dementsprechend nun in einem Staat ohne Steuereinnahmen leben müssten.

Genauso wenig würde ich an meinem letzen Tag Altglas wegbringen und ich denke, dafür hätte jeder Verständnis. Auch ein Frisörbesuch stünde nicht auf meiner Letzer-Tag-Liste. Mit Unbehagen denke ich auch daran, an meinem letzten Tag Hemden bügeln zu müssen. Das missfällt mir bereits an Tagen, an denen ich nicht sterben muss.

Hielte ich mich also an die Letzer-Tag-Regel, säße ich innerhalb weniger Wochen immer noch lebend mit wallender Mähne und zerknittertem Hemd wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis, wobei die Polizisten bei der Abholung Mühe gehabt hätten, mich hinter all dem Altglas überhaupt zu finden. Besonders peinlich wäre mir gewesen, dass die Verhaftung im Beisein all meiner Liebsten geschehen wäre. Ich würde es dem Tod also hoch anrechnen, würde er mich völlig unvorbereitet treffen.

Apropos schlechte Überleitung: Würde ich von meinem letzen Tag Kenntnis erlangen, würde ich mich selbstverständlich von Ihnen verabschieden. So viel Zeit muss sein.

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Kategorie: Allgemein

Kommentare
  1. Ulle schrieb (09. März 2012):

    Es gibt übrigens entzückende Fahrten mit dem Bus nach Polen, um dort – in einem Park – seine eigene Verbrennung in einem Krematorium zu organisieren. Es gibt auch Butterkuchen. Ein Probeessen sozusagen.

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