Dinge durchlaufen in ihrem Leben verschiedene Daseinsstufen. So können sie zum Beispiel wachsen, schrumpfen, rosten, erblühen, welken, erkalten und so weiter. Für die meisten dieser Zustände hat der Mensch Lösungen gefunden. Am meisten hat der Mensch aber mit einem bestimmten Zustand zu kämpfen: dem Wegsein. Besonders, wenn es ihn selbst betrifft.
Ich bin bisweilen ein vergesslicher Mensch. In vergesslichen Momenten kann ich mich zum Beispiel nicht mehr daran erinnern, wo ich meinen Schlüssel hingelegt habe. Die mir bei der Suche behilflichen Menschen haben dann immer gesagt, der Schlüssel könne nicht weg sein, er sei nur woanders. Das ist natürlich richtig, gefunden habe ich den Schlüssel aber meist trotzdem nicht.
Die Theorie des Nichtwegseins ist aber gleichwohl ebenso schlüssig wie allgegenwärtig sichtbar. Auch in der Finanzkrise hieß es, das Geld sei nicht weg, es sei eben nur woanders und auch wenn man abends auf der Veranda sitzt und denkt «Oh, gleich ist die Sonne weg.», dann kann mit dem Wissen ins Bett gehen, dass man sie am nächsten Morgen wiedersieht.
Auch Hape Kerkeling war seiner Zeit nicht einfach weg, auch wenn er es in seinem Buchtitel behauptete. Er war lediglich woanders. Man hätte ja ahnen können, dass Prominente nicht weg sein können, sondern einfach nur nicht da. Die meisten Prominenten sind viel zu oft da, da freut man sich über jeden, der mal kurz weg ist.
Die sicher deutlichste Form des Wegseins ist der Tod. Sollte man meinen. Doch die Religionsgelehrten haben sich natürlich auch auf den Fall der Fälle vorbereitet. Irgendwann müssen wir nämlich alle mal ran. Das ist so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner der Menschen. Da kannste noch so viel vorhaben, wenn das Leben meint, jetzt ist Schluss, dann kannste nichts dagegen machen. Das hat auch was Beruhigendes. Das ist was, um das musst Du dich in der Regel nicht selbst kümmern, das wird dir abgenommen. Oft, wenn Du gar nicht daran denkst. Da stellst Du dir abends den Wecker, und am nächsten Morgen muss ein anderer ihn für Dich ausmachen.
Da kann ich schon die Pietisten hören, die klagen, wie man nur so etwas schreiben könne. Es gebe so viele Menschen, die nehmen sich das Leben oder sterben einen grauenvollen Tod. Das ist natürlich richtig, aber das kann man mir doch nicht ankreiden. Warum soll man darüber denn nicht schreiben dürfen?
Der Tod ist ein Thema, das alle angeht. Da sollte sich jeder einmal Gedanken machen, welche Position er bezüglich seines individuellen Wegseins bezieht. Am besten macht er das noch während des Lebens. Dann ist er vorbereitet, wenn es soweit ist. Dann hat er eine Vorstellung davon, was nach seinem Ableben auf ihn zukommt. Genauer gesagt: zukommen könnte. Verlässliche Erfahrungswerte gibt es ja kaum welche.
Das ist die gute Seite am Tod. Das Spekulieren hat ein Ende. Da weißt Du dann Bescheid. Da kommt dann das große Dunkel bei den Atheisten. Das sind ja die Einzigen, die fest an das absolute Weg glauben. Aber das kriegen die ja dann nicht mit. Es kann ja nicht sein, dass bei Atheisten dann noch was kommt. Also, dass sie dann zum Beispiel in so einer Art Niemandsland liegen und sich die ganze Zeit denken, Mensch, hättest du mal lieber an Gott geglaubt, dann hättest du jetzt was zu tun. So ist halt einfach Ende. Dann biste weg und aus die Maus.
Das gibt natürlich auch eine gewisse Planungssicherheit. Der Atheist muss sich im Gegensatz zum Gläubigen zeitlebens keine Gedanken über das Danach machen. Der Gottesfürchtige hingegen weiß dann endlich, ob sich der jahrelange Glaube jenseitsbezüglich gelohnt hat oder ob er sonntags lieber ausgeschlafen hätte, weil das mit dem Jenseits sich so nicht als richtig erwiesen hat. Deswegen heißt es ja auch Glaube.
Für die Menschen, die an Reinkarnation glauben, für die gibt es so etwas wie weg ebenfalls nicht. Nach dem Tod gibt es eine kurze Verschnaufpause und schon ist man wieder da. Also natürlich nicht im selben Körper, der hat ja meist schon einige Gebrauchsspuren. Bei der Reinkarnation geht es um die Seele. Die taucht nach dem Tod dann irgendwann und irgendwo in neuer Gestalt wieder auf. Rein erbrechtlich natürlich problematisch. Beim Wegsein muss man loslassen können.
Apropos schlechte Überleitung: Dies war mein letzter Blog-Eintrag. Zumindest bei news.de. Vock You! wird es aber weiter geben, nur eben nicht hier und nicht sofort. Bei allen Lesern bedanke ich mich aufrichtig für die bisherige Aufmerksamkeit und die Kommentare. Ich selbst wäre dann erst mal weg. Also woanders.
Kategorie: Allgemein

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