Menschen verlieben sich, das will ich gar nicht bestreiten. Verliebte Menschen sagen dann verliebte Sachen zueinander wie «Mein Herz gehört dir.» Ich denke, verliebte Menschen unterliegen hier einer Fehleinschätzung.
Wenn sich ein Mensch verliebt, dann passieren merkwürdige Dinge mit ihm. Er denkt fortan viel öfter an die betreffende Person als er es ohne Verliebtheit tun würde. Sobald er an diese Person denkt, fühlt er sich auf der einen Seite recht wohl dabei, auf der anderen Seite umtreibt ihn ein Gefühl des Vermissens, denn verliebte Menschen wollen möglichst viel Zeit miteinander verbringen. In solchen Fällen spricht man von Sehnsucht. Wenn diese Dinge mit ihm passieren, dann weiß der Mensch «Hoppla, ich bin verliebt.»
So sehr sich der verliebte Mensch auch nach Zweisamkeit sehnt, so sehr möchte er seine Verliebtheit nach außen tragen. Es hat sich beim Menschen eingeschlichen, dass er sich für die öffentliche Zurschaustellung seiner eigenen Verliebtheit, aber auch der Verliebtheit anderer, das Herz als Symbol ausgesucht hat. Dieser Umstand verwundert, hat doch das Herz von allen menschlichen Organen am wenigsten mit Verliebtheit zu tun.
Verliebtheit ist weniger eine Sache des Herzens, sondern vielmehr eine des Gehirns. Wenn man verliebt ist, dann hat man keine Schmetterlinge im Bauch, dann ist lediglich eine erhöhte Neurotransmitter-Aktivität festzustellen – lassen wir einmal die Option außen vor, dass «die Schmetterlinge» auch aus der Nichteinhaltung der Kühlkette bei dem Stehimbiss, den man tags zuvor besucht hat, resultieren könnten. Aber auch hier spielt das Herz eine eher untergeordnete Rolle.
Verliebtsein, so sagen es die Verliebtseinswissenschaftler, ist also weitestgehend ein biochemischer Prozess, der im Körper der Verliebten abläuft. Demnach müsste also das Gehirn und nicht das Herz als Symbol der Liebe gelten. Für Verliebte wie für die Verliebtseinsindustrie wäre dies ein Paradigmenwechsel mit nicht absehbaren Folgen.
So müssten sich beispielsweise die Hersteller von Verliebtseinsartikeln in erheblichem Maße umstellen. Valentinstagskarten wären fortan statt mit Herzen mit kleinen Gehirnen bedruckt. Diese kleinen Pralinen gäbe es nicht mehr in Herzform, stattdessen würden kleine Schokoladengehirne in der Packung liegen. Was sonst nur bei Neurologenkongressen ein Partyspaß ist, wäre bald gängige Praxis bei Verliebtheitsbekundungen.
Auch das menschliche Verhalten wäre in Mitleidenschaft gezogen, würde das Gehirn das Herz als Symbol der Liebe ablösen. Verliebte würden anderen «ihr Gehirn schenken», dem so Beschenkten «gehörte also das Gehirn» des anderen. Und selbst am Ende der Liebe würden Verlassene davon sprechen, «jemand habe ihr Gehirn gebrochen». Dementsprechend leide man an «Gehirnschmerz». Ich denke, die Geschichte der Sprache würde eine interessante Wendung nehmen.
Vor allem die Film- und Buchwelt würde diese Sprachwandlung hart treffen. Mitunter würde sie sogar zu Umsatzeinbußen führen. Ich denke nämlich, dass die Zuschauer zumindest in der Umgewöhnungsphase auf Filme wie «Gehirne in Aufruhr» oder «Ein Gehirn und eine Krone» zurückhaltend reagieren würden.
Man sagt mir manchmal nach, dass ich in vielen Dingen eine gewisse Korrektheit an den Tag lege. Böse Zungen behaupten bisweilen sogar, ich sei mitunter penibel. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich trotzdem in eben beschriebenem Dilemma keinen Wert auf internistische Präzision lege. Verliebte tun meiner Erfahrung nach die unlogischsten Sachen und ich befürworte das. Von daher ist für mich auch weiterhin das Herz der geeignete Ort für die Liebe. Und nicht das Gehirn.
Apropos schlechte Überleitung: Dass in puncto Verliebtheit alles beim Alten bleibt, wäre mir eine Herzensangelegenheit. Sie wissen, was ich meine.
Kategorie: Allgemein

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