Manche mögen es für pädagogischen Firlefanz halten, aber der Trend in Schulen und Kindergärten geht dahin, Kindern Wissen spielerisch beizubringen. Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, diesen Trend selbst umzusetzen.

Ein wenig unverhofft wurde ich jüngst von einem Fünfjährigen mit dem Wunsch konfrontiert, mit ihm doch eine Partie Monopoly zu spielen. Ich, eigentlich eher der Mensch-ärgere-dich-nicht-Typ, willigte ein und ließ mich von dem kleinen Jungen in die Grundregeln des Spiels einführen. Er wiederum schien bereits erhebliche praktische Erfahrungen mit dem Ankauf von Straßen, Häusern und Hotels gehabt zu haben, denn sein Immobilienportfolio wuchs rasant, während ich nach einigen Runden lediglich ein Wasserwerk sowie eine Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei-Karte mein Eigen nennen konnte.

Mit zunehmender Spieldauer wurde meine finanzielle Lage immer prekärer, einen Aufenthalt in den Häusern und Hotels des Jungen würde ich mir bald nicht mehr leisten können, kurz, dem Spiel drohte ein baldiges Ende. Nun gut, dachte ich gelassen, wenigstens hat sich keiner verletzt. Doch da erinnerte ich mich an den eingangs erwähnten Trend und beschloss, aus diesem Spiel wenigstens noch ein Lehrstück in Sachen Kapitalismus zu machen. Der Gedanke, dass dieser Junge mit dem Wissen aus dieser Partie entlassen werden könnte, dass die Forcierung einer Insolvenz ein erstrebenswertes Ziel sei, war mir ein Gräuel.

Als ich bei meinem nächsten Wurf auf eine ihm gehörige Straße mit vier Häusern kam und mir der Junge mit einem Grinsen offenbarte, dass ihm nun sage und schreibe 20.500 DM an Mieteinnahmen zustünden, sah ich meinen Moment gekommen. Ich stellte mich ihm als Vertreter der Mietergemeinschaft der Goethestraße vor und wolle ihn bereits mündlich auf einige Mängel in den Häusern hinweisen, weshalb ich eine erhebliche Mietminderung geltend machen wolle. Ein entsprechendes Schriftstück werde ihn in den kommenden Tagen erreichen.

Zunächst wolle ich ihn darauf aufmerksam machen, dass es in den Räumen der Häuser bereits zu Schimmelbildung gekommen sei. Um seinem Einwand zuvorzukommen, dass die Schimmelbildung auf falsches Lüften seitens der Mieter zurückzuführen sei, erörterte ich den Sachverhalt, dass es nicht am falschen Lüften liegen könne, denn die Häuser hätten überhaupt keine Fenster. Ein für die Mieter ohnehin nicht haltbarer  Umstand, auf den ich später noch zurückkommen würde.

Zuvor stünde aber noch die Beseitigung weiterer Mängel an. So würde ich ihn um die Einsichtnahme in die Energiepässe der Häuser bitten. Eine reine Holzdämmung, wie sie derzeit in allen Häusern vorzufinden ist, sei nicht mehr zeitgemäß, die daraus resultierenden hohen Heizkosten, den Mietern nicht zuzumuten. Die Modernisierungsmaßnahmen, so viel könne ich ihm bereits sagen, könne er jedoch nur zum geringen Teil auf die Nebenkosten umlegen. Für diese würde ich im Übrigen gerne einmal eine Abrechnung sehen.

Angst vor der Krise

Aus steuerlicher Sicht, so mein freundschaftlicher Rat, solle er sich zudem besser einige Rücklagen schaffen, so wie ich die Lage einschätze, kämen in naher Zukunft nämlich einige Forderungen auf ihn zu. Schließlich könne ich mich nicht erinnern, dass er in den vergangenen Runden auch nur einen Pfennig Grundsteuer sowie Steuern aus Vermietung und Verpachtung gezahlt habe. Er könne sich also schon einmal auf eine gehörige Summe für eine Strafzahlung einstellen.

Dass er für eine einzige Übernachtung in einem seiner Hotels mitunter bis zu 40.000 D-Mark verlange, sei zudem schlicht und ergreifend Wucher, da könne das Frühstücksbuffet noch so üppig sein. Die Wettbewerbshüter seien bereits eingeschaltet. Das sei aber noch sein geringstes Problem, denn inzwischen seien auch kartellrechtliche Bedenken wegen der überaus hohen Anzahl seiner Hotels öffentlich geworden. Glaubt man der Presse, drohte ihm nichts weniger als eine Zerschlagung seines Immobilienimperiums, das faktisch ein Monopol darstelle. Ich riet dem Jungen eindringlich, sich juristischen Beistand zu suchen.

Auch im Bereich Presse- und Öffentlichkeit, so meine gut gemeinte Empfehlung, sähe ich dringenden Handlungsbedarf. Würde seine Liquidität durch die auf ihn zukommenden Forderungen in Mitleidenschaft gezogen werden, könnte sich diese finanzielle Schieflage zu einem Flächenbrand ausbreiten, der nur schwer wieder unter Kontrolle zu bringen sei. Die Ratingagenturen seien ohnehin bereits alarmiert und würden nicht zögern, seine Kreditwürdigkeit auf Ramschniveau herabzustufen. Dann bräuchte er sich im Kindergarten in der nächsten Zeit nicht mehr blicken lassen.

Er müsse verstehen, dass dies auch mich, der ich ohnehin in einer prekären Lage bin, mit hinunter ziehen könnte, ja das gesamte Spiel würde in eine Rezession schlittern. Die Folgen für die Finanzmärkte wären verheerend. Ich sah mich schon an die Weltmonopolykrise von 1929 erinnert.

Als sich der Junge erst einmal seiner fast ausweglosen finanziellen Lage bewusst wurde – schließlich wähnte er sich wenige Minuten zuvor noch auf der Siegerstraße – verfiel er in eine Trotzreaktion und wollte seinen Protesten freien Lauf lassen. Um die Situation nicht eskalieren zu lassen, bot ich ihm bei der Bewältigung seiner Krise meine umfassende Unterstützung an.

So empfahl ich ihm, seine faulen Hypotheken in einer eigens dafür geschaffenen Bad Bank unterzubringen. Sei dies erst einmal geschehen, wäre der Weg frei für die erste Tranche aus dem noch einzurichtenden Rettungsfonds. Doch bevor er unter den Rettungsschirm schlüpfen könne, müsse er sich bewusst sein, dass er endlich die dafür nötigen Reformen anpacken müsse. Er müsse es aber ernst meinen mit seinem Konsolidierungskurs, sonst gingen ganz schnell die Lichter aus im Kinderzimmer.

Was ich dem Jungen nicht erzählte, war, dass ich ihn unbedingt im Monopoly-Raum halten wollte. Eine Rückkehr des Kindes zu Mensch-ärgere-dich-nicht galt es unter allen Umständen zu vermeiden. Schließlich wollte ich ja weiter mit ihm Geschäfte machen.

Apropos schlechte Überleitung: Der kleine Junge bat seine Eltern kurze Zeit später darum, lieber Fußball spielen zu dürfen. Ich freue mich darauf, ihm das nötige Wissen über die schmutzigen Tricks im Profifußball beizubringen. Ganz spielerisch.

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Kategorie: Allgemein

Kommentare
  1. Hans Dietiker schrieb (26. April 2012):

    Hmmm… Hartes Business dieses Monopoly. Aber mit den fiesen Tricks aus der Realwirtschaft lässt sich eine gute Sache immer wieder zerstören, um danach die wirkliche Macht mit drittklassigem Vorgehen publikumsnah in Szene setzen zu können. Ja Hallo denn. Es ist wie im Stall beim Bauer: Der frechtsten Sau gehört das meiste Fressen. Unser Leben lebt sich spielerisch – und wir lernen daraus, gar nichts! PS: Bin kein Profi-Fussballer, möchte es aber noch werden.

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