Ich habe vor einiger Zeit ferngesehen. Diese Sendung, in der sich Leute gegenseitig bekochen und dann am Ende untereinander Punkte für die Kochleistung des anderen verteilen. In dieser Sendung fallen ganz oft Sätze, in denen irgendjemand irgendetwas «auf den Punkt» gekocht hat. Es fallen aber auch Sätze, die mich noch mehr verwirren.
Die Zusammenstellung der Kandidaten dieser Sendung, so glaube ich, soll immer ein wenig die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln. Da kochen Frisöre gegen Steuerberater, Hausfrauen gegen Studentinnen oder Zahnärzte gegen Tätowierer. Auffallend aber ist, dass unter den Kandidaten immer einer dabei ist, der eine bemerkenswerte Melange aus Ehrgeiz und Blasiertheit an den Tag legt, wenn es um die Zubereitung seines Dinners geht.
In eingangs erwähnter Folge war dies wieder der Fall. Die genaueren Umstände entziehen sich meiner Erinnerung, aber eine Bemerkung des Hobbykochs ist bei mir haften geblieben. Und zwar meinte er mit einer bildungsbürgerlichen Herablassung, in seinen Nudeln seien keine Eier. Eier in Nudeln, das sei «so typisch deutsch». Das war mir nicht bewusst.
Ich esse nämlich gerne Nudeln. Lieber die ohne Eier. Der Logik des Mannes folgend wäre ich also nicht typisch deutsch. Zur Sicherheit guckte ich noch einmal in meinen Personalausweis, aber dort stand Staatsangehörigkeit: deutsch. Nun gut, dachte ich, vielleicht war das ein Versehen. Vielleicht wussten die Damen und Herren vom Personalausweisamt damals gar nicht, dass ich in Bezug auf Eier in Nudeln gar nicht typisch deutsch bin. Vielleicht bin ich ja eigentlich Italiener? Die sollen ja bezüglich Eier in Nudeln gänzlich unverdächtig sein. Was aber, wenn nun zum Beispiel ein Italiener seinen Nudelteig lieber mit Eiern mag?
Was soll das überhaupt sein, typisch deutsch? Häufig fällt in diesem Zusammenhang ja die Bemerkung, Pünktlichkeit sei typisch deutsch. Südländer hingegen würden es in Bezug auf Pünktlichkeit eher ruhig angehen. Nun, da wir wissen, dass ich die deutsche Staatsangehörigkeit besitze, kann ich Ihnen verraten, dass ich Pünktlichkeit bisweilen nicht zu meinen ausgeprägten Stärken zählen würde. Ein griechischer Freund von mir dagegen ist der pünktlichste Mensch, den ich kenne. Irgendwie scheint das mit dem «typisch deutsch» nicht so einfach zu sein.
Es gibt auch Menschen, die sagen, Humorlosigkeit sei typisch deutsch. Ich würde das aus meiner persönlichen Sicht manchmal sogar unterschreiben, denn ich kenne einige Deutsche, die können einfach keine Witze erzählen. Allerdings kenne ich auch einen Schweden, der zum Lachen in den Keller geht. Vielleicht sind Schweden an sich ja auch typisch deutsch. Vielleicht gelten Schweden ja bei ihren skandinavischen Nachbarn als humorlos und man sagt dort, Humorlosigkeit sei typisch schwedisch.
In Schweden wiederum, ich kann es nicht beurteilen, sagt man dagegen womöglich Fleiß sei typisch französisch, während man in Frankreich vielleicht davon ausgeht, dass Redseligkeit typisch peruanisch sei. In Peru wehrt man sich aber unter Umständen gegen dieses Vorurteil und behauptet womöglich seinerseits, Spießigkeit sei typisch mongolisch. Vielleicht gelten wiederum unter Mongolen aber auch die Chinesen als die Italiener Asiens, die Guatemalteken aber gleichzeitig als die Kanadier Zentralamerikas. In Guatemala könnten Deutsche hingegen als ziemlich unpünktlich gelten.
Das mit dem Typisch-Deutsch-Sein ist ganz offensichtlich ein verzwicktes Konzept. Manche haben nämlich sogar Angst, typisch deutsch zu sein, selbst bei Eier-Nudeln. Andere sagen, es sei wiederum typisch deutsch, Angst zu haben, typisch deutsch zu sein. Ich möchte keine Angst haben müssen, typisch deutsch zu sein. Ich möchte aber auch keine Angst haben müssen, nicht typisch deutsch zu sein. Ich möchte noch nicht einmal Angst davor haben müssen, Angst davor haben zu müssen, typisch deutsch zu sein. Mich verwirrt das alles.
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass dieses Konzept mit der nationalen Typisierung völliger Kokolores ist. Vielleicht ist das von mir aber auch nur wieder typisch deutsch.
Apropos schlechte Überleitung: Neulich hat eine Kandidatin bei dieser Kochsendung einem anderen weniger Punkte gegeben, weil sie dessen Suppe «zu suppig» fand. Langsam glaube ich, mit dieser Sendung stimmt etwas nicht.
Kategorie: Allgemein

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