Ich mache gerade eine schwere Zeit durch. Seit Tagen werde ich jede Nacht von Albträumen geplagt. Ich träume aber nicht etwa von Monstern unterm Bett, vom Fallen ins Nichts oder vom Verlust meiner Existenz. Nein, meine Träume sind schrecklicher. Ich träume von Wolken.
Meine Träume begannen, als ich mich entschied, einem Trend zu folgen: dem Cloud-Computing. Beim Cloud-Computing kann man alle möglichen Daten, also zum Beispiel Texte, Filme oder Bilder außer Haus speichern. Das heißt, bestimmte Firmen bieten auf ihren Großcomputern Speicherplatz zur Miete an. Das Praktische daran ist, man braucht zu Hause nichts mehr aufheben und kann von überall auf der Welt auf seine Sachen in dieser «Datenwolke» zugreifen. Es gibt sogar Firmen, die in einer solchen Wolke eine riesige Musiksammlung anbieten, aus der man sich dann gegen Geld Lieder anhören kann. Man zahlt also quasi eine Miete für Lieder und muss sich die einzelnen Alben nicht mehr selbst kaufen und aufbewahren. Beim Cloud-Computing gibt es zu Hause keine Bücherregale und Plattensammlungen mehr.
Kenner werden einwenden, dass es dieses Cloud-Computing aber nun schon seit einiger Zeit gibt, es also gar kein Trend mehr ist. Dem würde ich ganz vorauseilend zustimmen, denn ich bin neuen Sachen gegenüber zwar aufgeschlossen, lege beim Entdecken von neuen Trends aber oft eine gewisse Behäbigkeit an den Tag. Böse Zungen würden behaupten, ich hätte schon den einen oder anderen Trend verschlafen.
Beim Cloud-Computing mag ich also vielleicht kein Vorreiter sein, das Prinzip hat mir aber dennoch gefallen. Aus beruflicher Sicht finde ich es praktisch, nicht mehr an alles denken zu müssen, sollte ich einmal das Haus verlassen müssen. Ich hätte ja quasi immer meine kleine Datenwolke dabei. Fiele mir beispielsweise ein, heute einmal nicht im Büro arbeiten zu wollen, sondern, sagen wir einmal in Kassel-Kirchditmold, könnte ich ganz einfach von dort aus auf meine Daten zugreifen, die irgendwo auf der Welt in meiner eigenen Wolke gespeichert sind.
Ich möchte nicht verhehlen, dass ich eine gewisse Euphorie bei diesem Gedanken empfand. Doch noch in der gleichen Nacht begannen meine Albträume. Nun muss man wissen, dass ich ein zutiefst misstrauischer Mensch bin. Ich zweifle ständig, oft auch an mir selbst. Doch in den vergangenen Nächten war es besonders arg. Ich träumte davon, dass die Menschen im Freudentaumel über die Erfindung des Cloud-Computings und den damit verbundenen Erleichterungen begannen, nach und nach all ihre Daten in Computer-Wolken zu speichern. Das ganze Wissen, alle Bücher, jeder Film und sämtliche Musik wurden nach und nach digitalisiert.
Das führte dazu, dass mit der Zeit auch keine Bücher mehr gedruckt und keine CDs mehr aufgenommen wurden. Wozu auch? Den Platz, wo einst Bücherregale und Plattensammlungen standen, konnte man ja nun sinnvoller nutzen. Nach ein paar Jahren gab es keine öffentlichen Bibliotheken mehr, Bücher und Musikalben waren verschwunden. Stattdessen konnte nun jeder mit seinem Computer auf das Wissen und die Musik von überall auf der Welt zugreifen. Welch phantastischer Gedanke!
Das ging auch eine ganze Weile gut, doch irgendwann, so träumte ich weiter, gab es nur noch ein paar wenige Firmen, die den Markt des Cloud-Computings unter sich aufgeteilt hatten. Ohne es zu merken, hatten sich die Menschen in die Abhängigkeit dieser Handvoll Firmen begeben. Plötzlich hatten diese Firmen in ihren digitalen Wolken die gesamten Kulturschätze und das Wissen der Welt gehortet. Nun bestimmten sie alleine, welche Musik man hören konnte und welche Bücher es zu lesen gab. Was den Firmen nicht gefiel, das war einfach nicht mehr im Angebot. Irgendwann merkten die Menschen gar nicht mehr, dass es noch viel mehr gab als diese Firmen ihnen anboten. Doch dann war es schon zu spät.
Seit Tagen nun wache ich morgens mit diesen düsteren Gedanken schweißgebadet auf. Dann renne ich ganz schnell zu meinem Bücherregal, um zu sehen, ob es noch da ist.
Apropos schlechte Überleitung: Der Gedanke, dass die Menschen so etwas Dummes schon nicht machen werden, beruhigt mich immer ein wenig.
Kategorie: Allgemein

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