Eigentlich sollte ich nicht nach dem Grund fragen, warum sich Menschen Aufkleber auf ihr Auto kleben. Menschen tun oft Dinge ohne einen mir offenkundigen Grund. Turniertanzen zum Beispiel. Oder Fallschirmspringen. Oder FDP wählen. Ich stelle mir die Frage nach dem Grund aber dennoch. Hier und heute. Ich will es verstehen.
Zumal es so viele verschiedene Aufkleber gibt. Die meiner Meinung nach unaufdringlichste, aber dennoch unverständliche Aufkleberversion ist der kleine Fisch-Aufkleber als Zeichen christlichen Glaubens. Was will man mir damit sagen? Dass der Fahrzeugführer die Zehn Gebote kennt und keine Angst hat, sie auch einzusetzen? In Bezug auf Aufkleber sind Autofahrer anderer Religionen zurückhaltender. Zumindest habe ich noch keine Autos mit Aufklebern mit muslimischer oder jüdischer Symbolik gesehen. Vielleicht habe ich diese aber auch einfach bisher nicht wahrgenommen. Das wäre dann mir anzukreiden.
Wesentlich aufdringlicher als der kleine Fischaufkleber sind die Bandlogo-Aufkleber, die ebenfalls in die Kategorie Statement-Aufkleber fallen. Bandlogo-Aufkleber ziehen sich meist über die gesamte Heckscheibe. Oft tragen die Eigentümer solcher Aufkleber auch noch das dazugehörige T-Shirt mit dem Bandnamen. Es ist offensichtlich, dass beides nicht aus ästhetischen Gründen erfolgt sein kann. Nein, mir ist klar, dass mir der Fahrer mit seinem Bandlogo-Aufkleber einen Hinweis geben will, welche Musik er bevorzugt. Ihm scheint dabei jedoch unklar zu sein, dass mich das überhaupt nicht interessiert.
Eine sehr beliebte Art Aufkleber ist der «Achtung, Baby dabei!»-Aufkleber. Auch hier frage ich mich, was mir der Autofahrer mit diesem Warnhinweis sagen will. Dass ich ihm deshalb nicht hinten drauffahren soll, schließlich sind diesmal Kinderleben im Spiel. Der Fall läge also anders, führe er alleine oder nur mit seiner Frau? Dann könne ich gerne einmal einen Auffahrunfall wagen?
In individualisierter Form findet man diesen Baby-Warn-Aufkleber auch mit dem jeweiligen Namen des Kindes versehen, also zum Beispiel «Pascal on Board» oder auch «Leon on Board». Was soll das nun wieder? Ist das eine Demonstration, dass die Eltern bei der Namenswahl ihrer Kinder von einem Anfall von Unkreativität gepackt wurden? Oder dass sie Probleme haben, sich den Kindsnamen zu merken und sich deshalb einen kleinen Spickzettel ans Auto kleben wollten?
Derlei kognitive Unzulänglichkeiten sind einer anderen Gruppe von Autoaufkleberliebhabern unbekannt: den Oberlehrern. Diese bevorzugen Aufkleber wie «Wenn Sie das lesen können, fahren sie zu dicht auf.» Hier ergreift mich völliges Unverständnis. Ich denke, wenn jemand schon so dicht auffährt, sollte man ihn nicht noch mit der Bereitstellung einer Kurzlektüre zusätzlich ablenken.
Da mir die Gründe, für die Verzierung eines Autos so vollkommen unerklärlich sind, werde ich einen Selbstversuch starten und mein Auto ebenfalls bekleben. Ich beginne ganz gemütlich mit einem Statement-Aufkleber. Hierfür wähle ich folgenden Slogan: «Ich esse gerne Rosenkohl». Ich denke, in Zeiten steigender Beliebtheitswerte von Fastfood könnte dieses Statement provozierender nicht sein.
Danach widme ich mich dem Namensaufkleber. Er wird lauten «Vock on Board. Gemäß Versicherungspolice sind jedoch auch andere Fahrer zulässig. Der Name des Wagenlenkers kann also variieren.» Ich bin ein korrekter Mensch.
Zum Schluss muss es noch etwas Oberlehrerhaftes sein. Hier tendiere ich zu: «Ja, das hier ist ein Autoaufkleber. Wie bei 100 Prozent aller anderen Autoaufkleber steht auch hier nichts von Belang. Sie sollten sich also wieder der Fahrbahn widmen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.»
Apropos schlechte Überleitung: Die Fahrzeuge von Polizei- und Rettungskräften tragen Blaulicht und Sirene zur schnellen Identifizierung. Die aufgeklebten Schriftzüge sollen wahrscheinlich etwaige Restzweifel ausräumen. Hier halte ich Autoaufkleber für zweckdienlich.
Kategorie: Allgemein

Kritiker schrieb (11. Mai 2012):
wie der Name schon sagt, VOCK YOU! Was sich die Leute an die Karre kleben ist deren Sache auch wenn sie eine riesen Fotze drauflackieren .ES IST DEREN AUTO und da kleben und lackeren die Leute was ihnen gefält. Apropos ich klebe mir an die Heckscheibe jetzt Ein Fettes VOCK YOU!
Hans Dietiker schrieb (10. März 2012):
Fischaufkleber beinhalten das Resultat einer Meinungsumfrage und bestätigt: “Der Fahrer des Wagens ist nur ein kleiner Fisch innerhalb unserer Gesellschaft. Wir brauchen ihn, lasst ihn nicht aussterben”.
Christian Vock schrieb (29. Februar 2012):
@Nichtmitleser
Natürlich kenne ich die meisten der Fisch-Aufkleber-Besitzer nicht persönlich, weshalb es zunächst nicht logisch erscheint, dass der Aufkleber persönlich an mich gerichtet ist. Da sich dieser Aufkleber aber am Auto des Klebenden und nicht, sagen wir einmal an dessen Zahnputzbecher, befindet, ist es durchaus der Fall, dass sich dieser Aufkleber, wenn auch nicht ausschließlich, aber eben doch auch an mich richtet.
Nichtmitleser schrieb (29. Februar 2012):
>> Die meiner Meinung nach unaufdringlichste, aber dennoch unverständliche Aufkleberversion ist der kleine Fisch-Aufkleber als Zeichen christlichen Glaubens. Was will man mir damit sagen? <<
Warum beziehen Sie einen solchen Kleber auf sich persönlich?